Rudolf Brazda

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Rudolf Brazda (* 26. Juni 1913 in Brossen bei Leipzig, (damals) Landkreis Zeitz) ist der letzte - derzeit bekannte - Lebende, der den Rosa Winkel trug, und ein Überlebender des KZ Buchenwald.

[Bearbeiten] Leben

Brazda wurde geboren als Sohn tschechischer Eltern, die aus dem damaligen Österreich-Ungarn eingewandert waren. Brazda wuchs in Meuselwitz auf und absolvierte eine Lehre als Dachdecker nachdem er die gewünschte Lehrstelle als Schaufensterdekorateur wegen seiner fehlenden deutschen Staatsbürgerschaft nicht bekam. Als die Nationalsozialisten 1933 die Macht ergriffen, war er 20 Jahre alt und hatte gerade erst seine Homosexualität entdeckt. Er ging auf Tanzveranstaltungen in Leipzig und lernte in Meuselwitz einen Freund kennen. Dieser lebte bei einer Zeugin Jehovas zur Untermiete, wo auch Brazda bald einzog. Die streng religiöse Dame hatte nichts gegen diese Liaison und überließ ihnen sogar ihr Schlafzimmer.

Brazda geriet irgendwann zwischen März 1933 und September 1935 ins Visier der Strafverfolgungsbehörden und wurde nach § 175 StGB in der Fassung vor 1935 angeklagt. Bei der Staatsanwaltschaft erzählte er freimütig über ihr Zusammenleben und auch, dass er sich nicht dafür schäme. Der Prozess in Altenburg vor dem Amtsgericht erregte Aufsehen und eine Meuselwitzer Zeitung titelte nach seiner Erinnerung damals: „Sie lebten zusammen wie Mann und Frau.“ Viel mehr als diese Tatsache soll das Gericht nicht in der Hand gehabt haben und eigentlich wäre nach der damals gültigen Fassung des Paragraphen nur nachgewiesene „widernatürliche Unzucht“ (Analverkehr, Schenkelverkehr) strafbar gewesen. Trotzdem wurde Brazda zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Nach seiner Haftentlassung hielt seine Mutter zu ihm, er wurde aber als „vorbestrafter Ausländer“ in die Tschechoslowakei abgeschoben. Zuvor war er nie in diesem Land und sprach weder Tschechisch noch Slowakisch.[1]

Brazda zog daraufhin ins sudetendeutsche Karlsbad. Hier lernte er einen neuen Lebensgefährten kennen, der Kontakte zur Theatertruppe „Fischli-Bühne“ hatte. Brazda begleitete das Ensemble drei Jahre durchs Sudetenland. In dieser Zeit trat er in Operetten auf und arbeitete als Schauspieler und Tänzer, wobei seine beste Nummer eine Josephine Baker Imitation war.

Als Nazi-Deutschland im Oktober 1938 das Sudetenland annektierten, blieb Brazda dort. Nachdem recht bald die Juden der Theatertruppe verhaftet worden waren, wurde etwas später auch er festgenommen und ohne Prozess im Gefängnis von Eger festgehalten. Er ging dann auf „Transport“ und traf am 30. März 1941 im KZ Buchenwald ein. Dort musste er den Rosa Winkel tragen, der noch zusätzlich mit einem "T" (für Tscheche) versehen war. Zuerst musste er wie die meisten anderen schwulen Häftlinge im Steinbruch arbeiten, einer besonders harten Arbeit, bei der viele den Tod fanden. Schon bald wurde er zuerst zu einer leichteren Arbeit in einem Verbandsraum herangezogen und anschließend als Dachdecker in ein Baukommando überstellt, wo die Arbeitsbedingungen wesentlich leichter waren. Dort nahm sich ein kommunistischer Kapo seiner an und es entwickelte sich eine Liebesbeziehung, die Brazda auch das Leben rettete. Als im Frühjahr 1945 das KZ Buchenwald „evakuiert“ werden sollte und die Häftlinge auf lange und für viele todbringende Märsche geschickt wurden, konnte er sich mit Hilfe eines Kapos in einem Schweinestall verstecken, bis die Amerikaner das Lager am 11. April 1945 befreiten.

Nach dem Krieg ging Brazda gemeinsam mit einem anderen Häftling in dessen Heimat nach Süddeutschland.[1] Im Jahre 1947 kam er mit Eddi, einem Banater Schwaben zusammen, der bis zu dessen Tod 2002 sein Lebensgefährte blieb. Zusammen zogen sie ins Elsass[2] nach Frankreich[3], wo Homosexualität nicht unter Strafe stand. Anfang der 1970er zogen sie wieder nach Süddeutschland und Brazda lebt heute dort in einem kleinen Haus, das er zusammen mit seinem Freund gebaut hat.[1]

Bei der Einweihung des Denkmals für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen am 27. Mai 2008 war man davon ausgegangen, dass es keinen überlebenden Zeitzeugen mehr gäbe, der aufgrund seiner Homosexualität im Konzentrationslager saß. Aufgrund der Berichterstattung meldete sich die Nichte von Rudolf Brazda beim Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD) und erzählte von ihrem Onkel. Der inzwischen 95jährige Brazda wurde daraufhin vom LSVD nach Berlin eingeladen, am 27. Juni 2008 vom regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit im Rathaus empfangen und war am Abend bei einer Podiumsdiskussion zum Thema „Geschichte der nationalsozialistischen Homosexuellenverfolgung“ anwesend. Am nächsten Tag nahm er zusammen mit Wowereit und Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse an der Gedenkfeier für die homosexuellen NS-Opfer des LSVD und der Stiftung „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ am Mahnmal teil. Am Nachmittag nahm er dann erstmals in seinem Leben an einer CSD-Parade teil und fuhr auf dem Wagen des LSVD mit.[2][3] Auf der Mitgliederversammlung des LSVD Berlin-Brandenburg am 1. November wurde er zum Ehrenmitglied ernannt.

[Bearbeiten] Weblinks

[Bearbeiten] Einzelnachweise

  1. a b c Alexander Zinn: Rudolf Brazda - "Das Glück kam immer zu mir", Frankfurter Rundschau, 26. Juni 2008
  2. a b Waltraud Schwab: Christopher Street Day - Späte Freude am Mahnmal, taz, 28. Juni 2008
  3. a b Matthias Oloew: Christopher Street Day - Erinnern, demonstrieren und feiern, Der Tagesspiegel - Berlin, 28. Juni 2008
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