Szientismus

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Szientismus (von lat. scientia = Wissen, Wissenschaft, auch Szientizismus, Scientismus) ist eine abwertende Bezeichnung für die Auffassung, dass naturwissenschaftliche Methoden in allen Wissenschaftsbereichen Anwendung finden sollten. Der Szientismus geht dabei von einem positivistischen Verständnis dieser Methoden aus und wird daher oft mit dem Positivismus oder mit einer extremen Haltung des Positivismus gleichgesetzt[1][2]. Der Philosoph Daniel Dennett hingegen sieht im Vorwurf des Szientismus eine Immunisierung gegen naturwissenschaftliche Kritik.[3][4]

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Beispiel

Ein krasses Beispiel für Szientismus wäre die Behauptung, die Existenz Gottes mathematisch beweisen oder widerlegen zu können, oder das Gewicht der menschlichen Seele zu bestimmen.

[Bearbeiten] Entstehung

Bereits Nikolaus Kopernikus und Galileo Galilei erschütterten das religiöse Weltbild des Mittelalters. Der Glaube an Gott (und übernatürliche Phänomene im weitesten Sinn) wurde mehr und mehr verdrängt von einem naturwissenschaftlichen Weltbild.

Isaac Newton formulierte eine mechanistische Naturauffassung. John Lockes Vorstellung von Gesellschaft als einem mechanischem System, das wie das Universum den Naturgesetzen der Physik unterworfen sei, verhalf dem Positivismus zum Eingang in die Sozialwissenschaften. Dieser Versuch der Begründung der Sozialwissenschaft als positive Wissenschaft durch Auguste Comte wurde dementsprechend als Physikalismus kritisiert.

Die Herausbildung eines sich rationalistisch verstehenden, aber als Szientismus kritisierten Wissenschaftsbegriffs wurde wesentlich durch den Empirismus Francis Bacons und den Intellektualismus René Descartes’ befördert. Während Bacon „die Natur auf die Folter spannen (wollte), bis sie ihre Geheimnisse preisgibt“, war in Descartes’ Philosophie die mathematische Struktur der Schlüssel zum Universum und „exakte“ Wissenschaft gleichbedeutend mit Mathematik.

[Bearbeiten] Hegels Kritik am Szientismus

Die erste Kritik an diesem Wissenschaftsverständnis setzte im Deutschen Idealismus mit Hegel ein. Hegel wendet sich hier gegen den in der „Kritik der reinen Vernunft“ von Kant entwickelten Objektivitätsbegriff mit seiner transzendentalen und präsuppositionslogischen Begründung. Hegel sieht darin einen zwar antidogmatischen (nicht-materialistisch und nicht-metaphysischen) Begriff von Objektivität, aber doch einen physikalistischen „mechanischen“ Begriff.[5]

Hegel stellt diesem entgegen eine erfahrungslogische Reflexion auf das, was es gibt und was es zu erklären gibt. Hegel gibt damit der aristotelischen Ontologie und Naturhistorie eine diese selbst überschreitende, „transzendente“ andere Richtung. Vor jeder genetisch-ableitbaren oder kausalen Erklärung („woher kommt etwas?“) steht die Formbestimmung dessen, was es zu erklären gibt. Dabei gibt es für Hegel soviele Formen, wie es Gleichheiten gibt, die ihrerseits als Nichtunterscheidungen immer auf einen Relevanz- (bzw. Bedeutungs-) und Kommunikationszusammenhang verweisen. So kann der Empirismus entsubjektiviert, und das transzendentalanalytische Programm Kants entformalisiert werden. Durch Hegels Rückgriff auf eine neu platzierte „historia“ der Formen der Natur und Kultur wird der Erfahrungsbezug als die wesentliche Grundlage für Objektivität eingeführt. Daraus entwickelt sich erst die Einsicht in eine methodische Ordnung in einem komplexen Aufbau von Wissenschaft und Sprache. Die darin geschichteten Präsuppositionen lassen sich nicht einfach durch die „Ergebnisse“ der höheren, explikativen und erklärenden Ebenen „widerlegen“. Hegel argumentiert dabei in der „Logik“ von oben nach unten, nicht aufbauend, sondern präsuppositionsanalytisch. Es werden auf diese Weise die Unterstellungen der verschiedenen Wahrheits-, Gegenstands- und Objektivitätsbegriffe ausführlich deutlich gemacht.

Sein Ergebnis ist: Keine transzendentale Deduktion der Kausalität in einer Theorie des Erfahrungsgegenstandes und erst recht keine kausal erklärende Theorie kann die „empraktische“ Objektivität des Lebens, Handelns und Urteilens in Frage stellen. Auf diese Weise kann Hegel Fichtes Einsicht und Forderung in den Vorrang der tradierten Formen des Handelns und Wissens vor jedem Objektivitätsanspruch einer erklärenden Wissenschaft systematisch begründen. Jede physikalische („mechanische“ oder „chemische“) Erklärung wird gesehen als eingebunden in den Zusammenhang des instrumentellen Handelns und des Interesses an bedingten Prognosen.

Es ist dies die pragmatische Seite des Deutschen Idealismus, die auch bei Martin Heidegger in seine Existenzphilosophie zu finden ist. Hegels Philosophie aufgrund ihrer prinzipiellen Beschränkung der Wissens- und Erklärungsansprüche war nicht nur gegen eine szientistische Kosmologie gerichtet, sondern auch für die einzelnen empirischen Wissenschaften, sowie für den Fortschrittsglauben des späteren 19. Jahrhunderts und für das Selbstbewusstsein der wissenschaftlichen Aufklärung des 20. ein Stein des Anstosses.

Stekeler-Weithofer meint: „Man unterstellt ihr den Herrschaftsanspruch des Platzanweisers und verkennt ihr „spekulatives“ Bemühen um topographische oder logische Übersicht. Es geht in diesem Streit aber weniger um Hegel als um den Begriff kritischer Philosophie. Denn eines kann diese nie sein: Magd einer theologischen oder szientistischen Kosmologie oder Weltanschauung.“ [5]

[Bearbeiten] Poppers Kritik am Szientismus

Nach Popper liegt die Gefährlichkeit des Szientismus in seinem falschen Verständnis der naturwissenschaftlichen Methode.[6] Der Szientismus geht demnach davon aus, dass sich Naturwissenschaft durch den Gebrauch einer induktiven Methode auszeichnet und dass eine solche Methode entsprechend auch in anderen Bereichen angewendet werden muss. Nach Popper gibt es jedoch keine induktive Methode, und sie kann daher auch nicht die Methode der Naturwissenschaften sein. In seinem Kritischen Rationalismus vertritt er den Standpunkt, dass es durchaus richtig ist, von einer Einheitsmethode auszugehen, jedoch in Form eines Falsifikationsprinzips, das auf der aktiven Veränderung des Forschungsgegenstands im Experiment zwecks Lösung von Problemen basiert und nicht, wie in der szientistischen Vorstellung, in Form passiver Beobachtung.

[Bearbeiten] Einzelnachweise

  1. Robert Bannister: „Behaviorism, Scientism and the Rise of The "Expert"“
    Haack, Susan, (2003). Defending Science Within Reason: Between Scientism and Cynicism. Amherst, NY: Prometheus Books
  2. Rey, Abel. „Review of La Philosophie Moderne“, The Journal of Philosophy, Psychology and Scientific Methods 6.2 (1909): 51-53.
    cf. Abraham Maslow: „There are criticisms of orthodox, 19th Century scientism and I intend to continue with this enterprise.“ Toward a Psychology of Being, Preface to 1st edition
  3. Auf Kritik an seinem Buch Breaking the Spell: Religion as a Natural Phenomenon antwortete er: „wenn jemand eine wissenschaftliche Theorie vertritt, die [religiösen Kritikern] überhaupt nicht schmeckt, dann beantworten sie das schnell mit dem Vorwurf des 'Szientismus'.“
  4. Byrnes, Sholto. „'When it comes to facts, and explanations of facts, science is the only game in town'New Statesman 10 Apr. 2006.
  5. a b Stekeler-Weithofer, Pirmin: "Hegels Analytische Philosophie", Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn, 1992, ISBN 3-506-78750-0
  6. Karl Popper: Die Einheit der Methode. Das Elend des Historizismus (Mohr Siebeck, 2003), 7. Auflage, ISBN 3-16-148025-2.

[Bearbeiten] Literatur

  • Tom Sorell: Scientism. Routledge 1991
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